Licht, Raum, Teppich
the exact position of things im Plateaux Festival im Mousonturm, Frankfurt
Christoph Schütte
FAZ / 11 March 2006
“Now we are stuck here. We are stuck. Here we are stuck now.” Soviel, immerhin, scheint sicher in diesem halt- und bodenlosen Stück Theater: Sie sitzen fest. Alles aber, was darüber hinausgeht, bleibt ein Rätsel. Wo, warum, wie und wohin entkommen, für keine dieser Fragen zeigt sich auch nur der Ansatz einer Lösung. Die Welt, der Raum, die Dinge, selbst die Sprache, so scheint es, sind den beiden Protagonistinnen reichlich fremd geworden, und auch an ihren Namen können sie sich offensichtlich längst nicht mehr erinnern. “The exact position of things” der in Amsterdam lebenden Choreographin Nicole Beutler , das jetzt im Rahmen der “Plateaux”-Gastspielreihe im Frankfurter Mousonturm zu sehen war, ist eine stille, dichte Performance über zwei Frauen, denen das Leben zunehmend entgleitet.
Und die - stoisch, trotzig, verzweifelt - versuchen, sich ihrer selbst und der Umbgebung zu vergewissern, um nicht gänzlich herauszufallen aus der Welt. “Hallo, ich bin ganz außer mir”, heißt es gleich zu Beginn, und das darf man durchaus wörtlich nehmen. Daß es um Alzheimer geht in Beutlers Stück, teilt sich dem Publikum schon nach wenigen Minuten mit. Doch sind es mehr noch die damit verbundenen, über die Krankheit hinausweisenden, prinzipiellen Fragen, an das Theater, die Kunst, die menschliche Existenz, die mehr und mehr ins Zentrum der mit einem feinen Gespür für Rhythmus und Tempo konzipierten Arbeit rücken.
Minutenlang stehen Hester van Hasselt und Esther Snelder, zwei schwarzen Schatten gleich, verloren im Zwielicht auf der Bühne, durchmessen schließlich ein ums andere Mal den Raum, lauschen dem Knistern, Trippeln, Klopfen über oder womöglich eher in ihren Köpfen und gehen ganz auf im Moment, im Hier und Jetzt und dem eigenen, äußerst konzentrierten und doch allem Anschein nach gänzlich sinnlosen Tun. Nichts als Gesten, Formen und Strukturen, eingeübte Rituale, die nichts mehr besagen und auf nichts verweisen. Und doch, möchte man glauben, sind sie womöglich alles, was noch Halt verspricht.
Ein Ziehen an der Schnur, das Licht geht aus; noch einmal, und das Licht geht wieder an; eine Bewegungsfolge, die Erinnerung an einen Raum oder das mühsame Zusammenrollen eines Teppichs, hier erscheint jedes noch so belanglose Ereignis als Bestätigung der eigenen Existenz: ” Das haben wir schön gemacht. Das haben wir schon einmal geschafft.” Das ist manchmal komisch, mitunter lächerlich, in jedem Fall aber berührend, sieht man dabei zu. Für die beiden Figuren aber geht es in jedem Moment, mit jeder Geste buchstäblich um alles. Also noch einmal das Flackern der Lampe, das Erkunden des Raums, Redewendungen, die nichts mehr bedeuten. Bis die Musik einsetzt.
Minimalistische Drum-´n´-Bass-Rhythmen erfüllen den Raum, und während eine der Schauspielerinnen noch ihren Teppich umklammert, als sei eine, ihre ganze Welt darin, beginnt die andere, zögernd zunächst, ein wenig linkisch fast zu tanzen. Fragmente nur, noch ein weiteres Mal, die zu wiederholten, leicht variierten Sequenzen sich fügen und die sie doch ausfüllen, ganz und gar, bis zur Erschöpfung. “The proof of the pudding is in the eating”, plappert eine von beiden am Ende vor sich hin. Ein Sprichwort wie all die anderen zuvor. Doch davon, scheint es, hängt jetzt alles ab. Und dann kommt die Nacht.
